Autorin: Sibylle Gerlinger

Der Blick auf den Frühstückstisch lässt die Augen unserer Tochter Lucie leuchten. Warme Waffeln mit selbstgemachter Marmelade und einem Schlag Sahne, Salami und Südtiroler Speck aus eigener Herstellung, dampfender Tee aus selbstgesammelten Alpenkräutern, Apfelmost, frische Milch und Butter vom eigenen Vieh. Dazu ein Korb Vinschgauer. Die flachen kleinen Roggenbrote duften verführerisch nach Anis und Schabzigerklee. Bei aller Liebe, das gibt’s zu Hause weder in der Auswahl noch aus Handarbeit. Hier am Oberfahrer Hof in Jenesien bekommen wir das jeden Tag auf einem Teewagen vor die Tür unseres Apartments gerollt. Wie Sonja Zöggeler das alles hinbekommt, ist mir ein Rätsel. Sie hat schließlich nicht nur uns zu bewirten, sondern auch den eigenen Hof und ganz nebenbei noch die ihre sechs Kinder zu versorgen. Das alles tut sie mit Gelassenheit und einem Lächeln auf dem Gesicht. Vielleicht ist es die wunderschöne Umgebung, die die Nerven beruhigt und ihr die nötige Kraft gibt. Draußen vor der Tür ist die Luft schnapsklar und eiskalt. Der Schnee glitzert auf den Weiden des Hochplateaus zwischen Sarntal und Meran. Die Lärchen stehen noch in vollem Laub und leuchten orange vor dem knackblauen Himmel. Schon beim ersten Atemzug fühlt man sich gesund. Tief unter uns im Tal liegt Südtirols Landeshauptstadt Bozen, dessen Betriebsamkeit im Moment ein Universum entfernt scheint. Für ein paar selige Urlaubstage fühlen wir uns auf dem Dach der Welt. Rosengarten und Latemar, die berühmten südtiroler Bergketten erstrahlen in der Ferne im Abendrot und scheinen unseren Eindruck zu bestätigen.

Wir haben uns für unseren Urlaub auf dem Bauernhof eine ungewöhnliche Zeit ausgesucht – den Winter. Die Reisezeit war uns von Familie Zöggeler sogar ausdrücklich ans Herz gelegt worden. „Eben weil ja fast keiner weiß, wie toll so ein Bauernhof für Kinder gerade im Winter ist“, wie uns Sonja zuvor telefonisch versichert hatte.

Unsere Tochter Lucie ist derweil mit ganz irdischen Gedanken beschäftigt. „Die“ Falke braucht Bewegung. Falke, das ist Lucie’s Lieblingspferd im Stall. Neben Hühnern, Katzen, Hunden, zwei Schweinen und einigen Dutzend Stück Milchvieh gehören zum Oberfahrer Hof auch mehrere Haflinger. Hier kommt Sebastian Zöggeler ins Spiel. Der Chef des Hofes ist auch der Chef der Pferdeschar und selbst passionierter Reiter. Und mit Haflingern, da kennt er sich aus, denn Hafling, das liegt nur wenige Kilometer entfernt. „Das sind Robustpferde, die beste Rasse der Welt!“ erklärt er uns stolz, „wie geschaffen für die Berge. Die haben einen sicheren Tritt, sind selbstbewusst und entscheidungsfreudig“, während er Falke freundlich den rundlichen Po tätschelt. Sie dankt’s mit einem Schnaufer, dessen Atemwolke in der kalten Luft zerstaubt. Lucie ist viel zu beschäftigt, um sich ihren Eltern zu widmen. Misten, Striegeln, Sattelzeug putzen, fertig machen zum Ausritt. Unsere Tochter entwickelt eine Ordnung und Betriebsamkeit, die wir von zu Hause nicht kennen. Wär ihr Zimmer daheim doch nur ein Pferdestall, es würde uns wahrscheinlich so manchen Streit ums Aufräumen ersparen.

Sebastian lädt uns ein, der Reitgruppe im Pferdeschlitten zu folgen. Den nicht ganz uneigennützigen Vorschlag nehmen wir gerne an. Nicht nur für seine Gäste ist das ein unvergessliches Erlebnis, Sebastian liebt die Ausflüge selbst. Er strahlt von einem Ohr zum anderen, als die Kutsche auf Kufen durch den glitzernden Schnee saust und die Ohrenklappen seiner Mütze im Fahrtwind fliegen lernen! Über die weiße Hochebene und durch duftenden Nadelwald treibt er die zwei Haflinger. „Hütteljö, Hütteljö“ schnalzt er, „meine Ferraris brauchen kein Benzin!“ Unser Ziel ist die Möltner Kaser Alm, eine Hüttenwirtschaft unterhalb der „stoarnene Manderln“, einem beliebten Wanderziel. Bevor wir einkehren, müssen wir noch die Pferde versorgen, die nach einer Stunde Trab und Galopp schweißnass geworden sind. Trockengerieben und in Decken gehüllt können die Haflinger nun in der Sonne ihre wohlverdiente Ruhepause genießen. Drinnen werden die Erwachsenen zunächst mit einem „Schnapserl“ begrüßt, dem folgt deftig „Schöpsernes“, ein Gericht aus Lamm und Hammel von der eigenen Weide. Südtirol ist berühmt für leckere Hausmannskost mit Schlutzkrapfen, Speckknödeln und Keschtn-Schmarrn (aus Kastanien). Wir sind im Slowfood-Land, die Küche fest verwurzelt in dem Guten, das der karge Boden den Menschen schenkt. Da es einen langen Winter zu überstehen gilt, hat das Konservieren von Lebensmitteln in Südtirol eine lange Tradition. Saisonal entstehen Säfte, Fruchtaufstriche, Schüttelbrot und Speck, allesamt gute Energielieferanten für die kalte Jahreszeit. Beim „Moeltner Kaser“ steigt die Stimmung, mittlerweile sind wir beim Nachtisch angekommen. Es gibt Schwarzplententorte aus Buchweizen mit Preisselbeermus und am Tisch der jungen Reiterinnen herrscht beste Laune. Lucie isst mit gesundem Appetit, denn der Rückweg hoch zu Ross steht bevor und beim Oberfahrer wartet Stallarbeit. Handy, W-Lan und WhatsApp-Gruppen befinden sich in einer weit entfernten Galaxie und werden scheinbar nicht vermisst.

Bei so viel frischer Luft verbrennen sich die Kalorien fast von alleine. Wem das nicht reicht, der hat in Südtirol zu jeder Jahreszeit unzählige Möglichkeiten der sportlichen Betätigung. Im Winter bietet das Skigebiet Meran 2000 eine nah gelegene Alternative zu den Pisten der Dolomiten. Der erste Tag auf Skiern wird für mich nach 20 Jahren alpiner Abstinenz zu einer echten Herausforderung. Aber „Mutti“ will’s noch mal wissen, schließlich hat Lucie für das gemeinsame Erlebnis tatsächlich auf eine Reitstunde verzichtet! Die neue Bergbahn befördert uns in nur sieben Minuten auf 2.000 Höhenmeter. Oben angekommen geben uns der strahlende Sonnenschein und die einladenden Familienpisten einen Vorgeschmack auf erlebnisreiche Abfahrten. Nach kurzer Zeit haben mein Geist und Körper ihr update gefahren. Die Erinnerung kehrt in die Knochen zurück und die Beine wissen, was es zu tun gilt. Lucie hat sich bereits in die Spur geworfen. „Mama, komm, trau dich!“ ruft sie mir lachend über die Schulter zu. Als ich meinem Herzen und den Skiern einen Ruck gebe, weiß ich, dass ein weiterer, herrlicher Urlaubstag begonnen hat.

Allgemeine Auskünfte
Erteilt die Südtirol Tourismus Information, Pfarrplatz 11, I-39100 Bozen, Tel.: +39 0471 999999, E-Mail: info@suedtirol.info, www.suedtirol.info, www.rotherhahn.it

Anreise
Mit dem Auto über München und Innsbruck sowie den Brennerpass durch das Eisacktal. In Bozen-Nord Richtung Sarntal und Jenesien abbiegen. Ab München sind es 343 km (knapp 4 Fahrstunden), ab Frankfurt 654 km (etwa 7 Fahrstunden). Im Winter unbedingt an Schneeketten denken! Infos zur Bahnanreise auf der Seite des Südtiroler Tourismus Verbandes, www.suedtirol.info

Übernachtung
Unter der Marke Roter Hahn sind in Südtirol ausgewählte landwirtschaftliche Betriebe organisiert, die Urlaub auf dem Bauernhof mit hohem Qualitätsanspruch und unter verschiedenen Schwerpunktthemen anbieten. Teilnehmende Höfe sind an dem an der Hauswand sichtbar angebrachten Logo deutlich zu erkennen. Infos unter www.roterhahn.it

Der beschriebene Oberfahrer Hof ist ein voll funktionierender landwirtschaftlicher Betrieb in der herrlichen südtiroler Natur. Zusätzlich gibt es Möglichkeit, seiner Reitleidenschaft zu frönen. Ferienwohnungen ab 75 Euro/Tag. 1 Stunde Reitunterricht kostet 18 Euro, 2stündiger Ausritt 28 Euro. Weitere Infos zum Reiturlaub: www.reiterhof-oberfahrer.com

Essen und Trinken
Eine beliebte Wanderung führt von Vöran und Hafling hinauf in die Sarntaler Alpen, zu den „Stoanerne Mandln“. Gleich unterhalb kann man auf der Moeltner Kaser Alm typische südtiroler Küche mit Kasnocken, Schlutzkrapfen und leckeren Kuchen genießen. Den Dolomitenblick gibt es kostenlos dazu. www.moeltner-kaser.com
In Flaas, oberhalb von Jenesien, fussläufig vom Oberfahrer Hof bietet der Lanzenschuster in seiner urigen Wirtstube südtiroler Spezialitäten an, www.lanzenschuster.com

Unbedingt unternehmen
Nicht nur architektonisch interessant, sondern auch toll zum Baden ist die modern Therme mitten in Meran. Infos: www.thermemeran.it
Neben den bekannten Orten in den Dolomiten ist Meran 2000 das Skigebiet zwischen Meran und Bozen mit zahlreichen familienfreundlichen Abfahrten. Infos: www.hafling-meran2000.eu
In der Altstadt von Bozen findet täglich Markt statt. Hier kann man sich u.a. mit getrockneten Steinpilzen für Daheim eindecken und in den Geschäften der Arkaden eine Shoppingtour unternehmen.